Am Samstag kam unsere alte Katze Banshee zum Sterben nach Hause. Ich habe natürlich damit gerechnet, dass sie bei einem stolzen Alter von 16 Jahren, ersten Anzeichen von Demenz und einem offensichtlichen Nierenleiden nicht mehr ewig lebt und trotzdem hat es mich eiskalt erwischt.

Sie hat sich am Freitag verhalten wie immer und am Samstagmorgen ging es plötzlich los. Die Katze hat morgens um kurz nach 5 in die Küche gekackt und gegen 6 Uhr lief sie im Kreis um ein Stuhlbein herum. Sie hat nicht mehr geschnurrt, was bei ihr äußerst ungewöhnlich ist, denn Banshee schnurrte und quasselte in einer Tour. Gegen kurz nach sieben bekam sie ihren ersten Krampfanfall. Um zehn vor acht hat mein Mann den Tierarzt angerufen, der erst gegen Mittag Zeit hatte – zum Glück muss ich jetzt im Nachhinein sagen.

Sie bekam im Laufe der nächsten Stunde noch zwei oder drei Krampfanfälle, was unseren Hund Smilla total aufregte. Man muss wissen, dass die Katze und der Hund ein Herz und eine Seele waren. Unsere erste kleine Runde am Morgen gingen der Hund und ich oft in Begleitung der völlig unerschrockenen Katze.
Ich glaube der Hund sorgte sich sehr und verstand nicht so recht was passierte. Gegen 9 Uhr beschloss mein Mann mit Smilla eine kurze Runde zu drehen um ein bisschen runter zu kommen und den Stresspegel zu senken.

Ich glaube sie hat auf den Hund gewartet

In dieser halben Stunde in der ich mit Banshee alleine war spielte sich für mich ein kleines Drama ab. Die Katze hörte nicht auf zu krampfen. Sie wurde irgendwann richtig steif und miaute laut. Als das nachliest atmete sie nur noch stoßartig und ich wusste vor lauter Tränen nicht mehr wohin. Ich dachte immer: Verdammt, wenn es einen oder mehrere Götter gibt, dann tut doch etwas, macht dem doch ein Ende! Ich hatte so viel Mitgefühl, dass ich überlegte ihr einfach Nase und Maul zuzuhalten um dem Leiden ein Ende zu setzen. Sie hätte sich nicht gewehrt, aber ich konnte es nicht. Ich nahm die Katze auf den Schoß.

Mittlerweile war der Krampf vorbei und sie war unglaublich schwach. Nur ihr kleines Herz schlug kräftig. Zäh wie diese Katze schon zu Lebzeiten war, so war sie auch im Angesicht des Todes. Ich hielt ihren Kopf so, dass der Speichel ablaufen konnte und sie nicht daran erstickte. In der Position erstarrte ich weinend eine gefühlte Ewigkeit und fühlte mich unendlich hilflos.
Dann kam mein Mann mit dem Hund wieder. Smilla ging zu Banshee, sie roch an ihr uns stupste sie, so wie sie es immer tat und ich konnte merken, dass die Katze entspannte. Vielleicht ist es Wunschdenken, vielleicht auch Tatsache, es schien, als hätte sie auf den Hund gewartet, denn ein paar Minuten später setzte das Herz aus. Der Blick brach, die Pupillen wurden weit und schwarz wie der Nachthimmel, die Lippen verloren ihre rosa Farbe und wurden weiß wie Schnee.

Trauer ist reiner Egoismus

Während dich diese Zeilen schreibe kommen mir wieder die Tränen. Nicht weil sie tot ist, es war an der Zeit, sondern weil ich Zweifel, dass ich ihr in den letzten Monaten gerecht geworden bin. Sie hat mich manchmal mit ihrem Gejaule nach Futter und ihrem ständigen Hinterhergelaufe fast in den Wahnsinn getrieben. Oft war ich böse und hab geschimpft. Ich wusste, dass sie nichts dafür kann und trotzdem war ich wütend vor Verzweiflung. Manchmal hat es gereicht, wenn man sie zurück vor den vollen Napf gesetzt hat. Ich glaube sie hat dann einfach vergessen, dass noch Futter da ist. Ich bin traurig, weil ich an mir selbst zweifle, wäre ich doch manchmal nur nicht so wütend gewesen.

Der Tod kann plötzlich kommen, er kündigt sich vorher nicht an und er verläuft auch nicht nach einer Wunschvorstellung.
Wahrscheinlich sind meine Selbstzweifel unbegründet, denn wenn sie es mir krummgenommen hätte, dann wäre sie wahrscheinlich in ihren geliebten Wald gegangen und da gestorben. Aber sie hat sich entschieden nach Hause zu kommen und dafür bin ich ihr unendlich dankbar.
Ebenso danke ich Gott, den Göttern, oder wem auch immer, dass meine Freundin ihren Besuch für das Wochenende absagen musste, dass der Tierarzt keine Zeit hatte, dass ich in der entscheidenden Phase mit ihr alleine war und dass ich für sie da sein durfte. Selten hat man Gelegenheit den Tod in den eigenen vier Wänden zu begleiten, egal ob er Tier oder Mensch trifft.

Der Tod ist ein Lehrer

Das alles zeigt mir, wie wichtig es ist, achtsam und bewusst im Umgang mit denen zu sein, die einem nahe stehen und am Herzen liegen. Wie oft gibt es Tage, an denen man seinen Partner nicht bewusst ansieht, ihm nicht sagt wie sehr man ihn liebt oder wie wichtig er ist. Wie oft gehen Menschen im Streit auseinander oder schlafen im Streit ein. Wie oft ist man ungehalten, weil Dinge nicht so laufen wie man will oder Mensch und Tier im Umfeld nicht so funktionieren wie sie gerade sollen. Ich will damit nicht sagen, dass dir den ganzen Tag die Sonne aus dem Arsch scheinen sollte, aber ich glaube, dass es die kleinen Augenblicke sind die unser Leben besonders machen. Ein liebevoller Blick, eine kurze Berührung, ein Wort von Herzen ein bisschen Rücksicht oder Nachsicht.

Sei Achtsam mit dir, deinen Lieben und dem Leben. Es kann schneller vorbei sein als man glaubt und damit auch alle Möglichkeiten etwas zu tun was man immer schon mal tun wollte. Der Tod ist endgültig und schließt das Buch des Lebens für immer.

 

Deine Vanessa